Briefe
1890

In der Heimat unter Fremden - Briefe aus Preussisch Rosengart (1949)


Ich gebe im Folgenden zwei Briefe wieder, die zuerst im Neuen Marienburger Heimatbuch veröffentlicht wurden und ein wichtiges Dokument ihrer Zeit - 4 Jahre nach Kriegsende und einige Jahre vor der Ausweisung - darstellen.

Der Titel sagt bereits viel aus - die im Dorf zurückgebliebenen Menschen befinden sich zwar noch in ihrer Heimat und versuchen, ihr Leben so normal wie früher zu gestalten, das Land zu bestellen usw., gleichzeitig spüren sie aber auch, dass dieses Leben so nicht weitergehen wird und kann.

Im Marienburger Heimatbuch wurden die in den Briefen erwähnten Namen mit den Anfangsbuchstaben abgekürzt. Mit Hilfe einer ehemaligen Einwohnerin liessen sich einige der Namen ‘rekonstruieren’ (in Klammern aufgeführt) - mit absoluter Sicherheit kann jedoch nicht gesagt werden, dass es sich dabei wirklich um diese Personen handelt.

Die Briefe stammen aus dem Besitz von Frau Margarete Wüst in Camen. Frau Wüst lebte früher in Notzendorf, das im zweiten Brief Erwähnung findet.

Es ist davon ausgehen, dass die Briefe von Herrn Radtke aus Pr. Rosengart geschrieben wurde, der in Dorf den Namen “Der schwarze Kragen” (wegen seines Hemdkragens so genannt) trug.
Herr Radtke kam zwei Jahre später, 1951, nach West-Deutschland.


„Pr. Rosengart, den 24.4.1949

Mein lieber Freund und Nachbar F., (Fröse)

… ich bin hier noch immer auf meiner Wirtschaft tätig in unserem lieben Pr. Rosengart. Bin hier mit einer alten Frau W. (Wilms) zusammen, ihr Mann ist noch verschollen, und ihre Kinder befinden sich alle im Reich. Auf der P.schen (Hermann Pauls)Wirtschaft befindet sich noch die alte Frau S. (Santowski) und die Frau B. mit zwei Kindern, also noch 6 Deutsche in unserem Dorfe.

Auf Deiner Wirtschaft ist die Frau W. mit ihrer Mutter und Tochter und einer Frau N. aus Wengelwalde mit ihrer Tochter.

Der alte N. ist hier gestorben. Die Tochter und Frau W. machen da die ganze Arbeit. Ich bin zweimal dort gewesen, es ist alles in bester Ordnung. Wenn man auf den Hof kommt, sieht es noch gerade so aus, als wenn ich früher mit der Stute zum Hengst kam. Der Garten ist in bester Ordnung. Die alten Bäume stehen noch alle da. Es ist dieses auch wohl die einzige Wirtschaft im Marienburger Kreis, die noch in Ordnung ist, es ist auch eine Musterwirtschaft für Polen. Denn die Wirtschaft von Herbert P. (Perschon?) ist nicht wiederzuerkennen. An der Scheune die Bekleidung abgerissen, die Türen stehen auf, der Dreschkasten steht draußen, der Strohhaufen liegt bis in den Garten, es liegt alles wild durcheinander. Der Acker da ist nicht wiederzuerkennen, als ich im Herbst da mit Rüben nach Altfelde fuhr, sah ich da auch ein Feld; was Rüben sein sollten, waren aber da in den Diesteln gar nicht mehr zu sehen. Das Getreide da bringt nicht mehr die Aussaat, das lohnt gar nicht zu dreschen.

In Deinem Hause wohnen 2 Bauern, das Haus und der Garten sind geteilt. In den Insthäusern sind auch überall Bauern, die sind alle bewohnt.

Der in Deiner Wirtschaft als erster hin kam, ist aus Posen, hat dort auch noch eine Wirtschaft, er spricht ziemlich deutsch. Einen Motorpflug hat er nicht, er hat nur zwei Pferde, das dritte hat er noch verkauft. Die Kühe hat er auch verkauft; es sind nur noch zwei, vorher hatte er 5.

Unsere Entwässerungsmühle brannte am 23. Juli durch Kurzschluß ab. Wir hatten hier jetzt immer recht viel Wasser. Deine Wiesen sind immer trocken gewesen, denn die Dämme waren immer auf.

Ich bin da mehrere Male nach Fischau gegangen, denn dort befinden sich auch noch an 50 Deutsche auf der B.schen (Behrend) Wirtschaft, diese ist auch staatlich.

Es heißt ja, es soll jetzt alles staatlich werden, es soll keiner mehr als 7 Hektar haben. Wir sind ja dann hier überflüssig, denn die dürfen uns dann nicht mehr beschäftigen, und auf ein Staatsgut kommen wir auch nicht, denn ich bin auch schon 69 Jahre, und die dürfen sie nicht mehr einstellen. Vielleicht kommen wir doch noch mal heraus.

Das Grab Deines lieben Vaters sieht noch ganz gut aus. Es sind viele Denkmäler umgeworfen und viele Tafeln zerschlagen. Der Zaun liegt auf der Erde. Von den hohen Tannen sind mehrere umgestürzt und haben die Denkmäler zerschlagen.

Deutsche befinden sich hier nur noch 2 Besitzer in der Drausenniederung auch auf ihrem Grundstück. Wir sind wohl im Kreis nur noch drei Bauern, die noch auf ihrem Grundstück sind.

Wir gehören jetzt hier zum Kreis Elbing. Fischau, Thörichthof, Stalle sollen wohl Kreis Marienburg bleiben. Stuhm ist jetzt Kreis Marienburg, Güldenfelde gehört auch noch zum Kreise Elbing.

Nun hörte ich, dass unser lieber Freund Erich Qu. (Quapp)* im Gefängnis verstorben sein soll. Er befand sich in Stuhm, war zu vier Jahren verurteilt, alles durch falsche Anschuldigung.

Nun sei vielmals gegrüßt, auch Deine werte Familie.

In alter Treue, Dein R.“ (Radtke)

 

* Eine Anmerkung hierzu: Herr Quapp ist nicht im Gefängnis verstorben; er wurde 1952 aus der der Haft entlassen und reiste dann nach Westdeutschland aus.


„Pr. Rosengart, den 27.5.1949

….gestern war ich nach Notzendorf gefahren und habe alles so besehen, es sieht ja doch alles sehr traurig aus, die Felder sind verkrautet und auch stellenweise gar nicht bestellt.

Da J.sche Haus ist abgebrochen, das Gasthaus ist hinten schon weg, und vom Wohnhaus stehen nur noch die Außenwände. Die Schmiede fällt nächstens zusammen. Das D.sche Gehöft ist abgebrannt. In Klakendorf ist das Wohnhaus von H. und die Scheune von V. auch abgebrannt.

Die Scheune vom Deichhauptmann haben sie auch schon an einem Ende abgebrochen und auf der Ecke, wo es nach Notzendorf geht, aufgebaut.

In Notzendorf ging ich in den Stall von W., es waren dort 45 Milchkühe und 28 sehr gute Pferde drin, die Kühe sind auch gut.

Dann ging ich aus dem Stall, und hinter der Scheune bis an die Reichfelder Straße stehen hunderte Maschinen. Ich zählte 17 Dreschkästen, Trecker, Selbstbinder, Grasmäher und auch neue Maschinenteile, noch verpackt, wie sie aus Amerika (wohl Hilfslieferungen aus den USA) gekommen sind.

Es arbeiten hier über 100 Menschen, die Lohn und Deputat erhalten.“


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